Finasterid absetzen: Haare und Nebenwirkungen
Nach dem Absetzen von Finasterid kehrt der Haarausfall nach Zeitplan zurück, binnen 9 bis 12 Monaten. Nebenwirkungen folgen keinem und sind kaum erforscht.

Wenn Sie Finasterid absetzen, kehrt der Haarausfall nach einem festen Zeitplan zurück. Laut britischer Packungsbeilage geht das unter Finasterid gewonnene Haar wahrscheinlich innerhalb von 9 bis 12 Monaten (auf Englisch) wieder verloren. Die Nebenwirkungen dagegen folgen überhaupt keinem Zeitplan. Bei manchen Menschen klingen sie ab. Bei anderen halten sie an oder verschlimmern sich nach dem Absetzen (auf Englisch), und niemand kann Ihnen vorher sagen, zu welcher Gruppe Sie gehören werden.
Dieser Unterschied liegt daran, was erforscht wurde, nicht an der Formulierung der Packungsbeilage. Was nach der letzten Tablette mit Ihrem Haar geschieht, ist fast auf den Monat genau gemessen. Was danach aus den Nebenwirkungen wird, ist kaum untersucht. Wenn Sie abgesetzt haben und noch darauf warten, dass alles wieder normal wird: Hier steht, was bekannt ist und wo das Wissen endet.
Was mit Ihren Haaren und Hormonen passiert
Der Wirkstoff verlässt den Körper schnell. Finasterid hat bei Männern zwischen 18 und 60 Jahren eine Halbwertszeit von 5 bis 6 Stunden (auf Englisch). Die Menge im Blut halbiert sich also alle 5 bis 6 Stunden. Bei Männern über 70 sind es etwa 8 Stunden.
Finasterid wirkt, indem es DHT senkt, ein Hormon, das der Körper aus Testosteron bildet. Die FDA-Fachinformation zur 5-mg-Tablette nennt einen Messwert dafür, wie schnell sich der DHT-Spiegel erholt. Bei gesunden Männern, die das Mittel 14 Tage lang nahmen, lag er nach etwa 2 Wochen wieder auf dem Niveau vor der Behandlung (auf Englisch). Für die 1-mg-Dosis gegen Haarausfall nennt keine Fachinformation einen solchen Wert, ebenso wenig für Menschen, die Finasterid jahrelang genommen haben.
Die Haare selbst verändern sich über Monate hinweg. Laut britischer Fachinformation beginnt der Nutzen bis zum sechsten Monat nach dem Absetzen zu schwinden (auf Englisch). Nach 9 bis 12 Monaten ist der Ausgangszustand wieder erreicht. Die US-Studien haben das direkt geprüft. 48 Männer (auf Englisch) erhielten nach einem Jahr Finasterid ein Placebo und wurden weitere zwölf Monate beobachtet. Am Ende war das gewonnene Haar wieder weg.
Nach der letzten Finasterid-Tablette
Gehen Finasterid-Nebenwirkungen nach dem Absetzen weg?
Bei manchen ja, bei anderen nicht. In den Studien zur 1-mg-Dosis klangen sexuelle Nebenwirkungen bei den Männern ab, die deswegen abgesetzt hatten (auf Englisch). Das galt auch für die meisten, die weiter einnahmen. Wie lange das dauerte, steht weder in der britischen noch in der US-Produktinformation. Wenn Sie also lesen, Nebenwirkungen klängen „innerhalb von zwei Wochen“ ab, stammt diese Zahl nicht aus der Fachinformation.
Die Studien, die das Haar so genau verfolgt haben, sagen hierzu viel weniger. Klinische Studien sehen in der Regel keine Nachbeobachtung vor (auf Englisch), die prüft, ob sexuelle Nebenwirkungen verschwunden sind. Darauf weisen die Autorinnen und Autoren der diagnostischen Kriterien von 2022 für diese Erkrankungen hin. Den Nutzen hat man nach dem Absetzen ein Jahr lang verfolgt. Eine vergleichbare Nachbeobachtung der Nebenwirkungen nennen die Fachinformationen nicht.
Dass Nebenwirkungen anhalten können, ist auf dem Papier nicht mehr umstritten. Die FDA-Fachinformation nennt sexuelle Probleme, die nach dem Absetzen anhielten (auf Englisch). Die britische Packungsbeilage nennt Probleme mit Erektion, Libido und Ejakulation (auf Englisch), die nach dem Absetzen fortbestanden. 2024 verwies die britische Arzneimittelbehörde MHRA auf Meldungen, nach denen sexuelle Funktionsstörungen auch nach dem Ende der Behandlung angehalten haben (auf Englisch). Der britische Gesundheitsdienst NHS schreibt, Nebenwirkungen können manchmal auch nach dem Absetzen anhalten (auf Englisch). Wie oft und wie lange, sagt keine dieser Quellen.
Wenn Nebenwirkungen anhalten
Betroffene und Forschende nennen das Post-Finasterid-Syndrom (PFS). Die diagnostischen Kriterien von 2022 (auf Englisch) sind ein Konsens von 37 Forschenden auf Grundlage von Fallberichten. Ein Problem, das 3 Monate nach dem Absetzen noch besteht, werten sie als Hinweis, der die Diagnose stützt, nicht als Voraussetzung. Sexuelle Probleme, die nach dem Absetzen verschwinden, sind kein PFS.
Die bekanntesten Zahlen dazu, wie lange es anhält, stammen aus zwei kleinen Studien an der George Washington University in den USA. Man muss sie genau lesen. Beide schlossen nur Männer ein, deren Nebenwirkungen bereits mindestens 3 Monate (auf Englisch) angehalten hatten.
- In einer Studie von 2011 mit 71 Männern (auf Englisch) bestanden die Beschwerden im Schnitt seit 40 Monaten, gerechnet vom Absetzen bis zum Interview.
- In einer Studie von 2012 (auf Englisch) wurden 54 dieser Männer 9 bis 16 Monate später erneut untersucht. Bei 96 % bestanden die sexuellen Nebenwirkungen weiterhin.
Die Männer wurden ausgewählt, weil ihre Beschwerden anhielten. Die Zahlen beschreiben also, wie es Menschen ergeht, die bereits PFS haben. Ihr eigenes Risiko lässt sich daraus nicht ablesen. Und sie zeigen nicht, wie viele Menschen nach dem Absetzen von Finasterid wieder genesen. Diese Frage wurde, so die Kriterien von 2022 (auf Englisch), „nie richtig untersucht“.
Anhaltende Nebenwirkungen können auch die Stimmung betreffen. In einer Studie von 2012 mit 61 Männern (auf Englisch), die Finasterid genommen hatten und unter anhaltenden sexuellen Nebenwirkungen litten, zeigten 46 Symptome einer Depression. Von 29 Männern mit Haarausfall, die nie Finasterid genommen hatten, waren es 3. Die Studie ist klein, und die Männer wurden ausgewählt, weil sie bereits anhaltende Nebenwirkungen hatten. Sie zeigt also ein Muster, das man ernst nehmen sollte, aber keine Häufigkeit.
Alex, Pharmaziestudent, kennt den Teil der Geschichte, den die Studien nicht verfolgt haben. In einem 39-minütigen Interview auf dem YouTube-Kanal von Moral Medicine beschreibt er die sexuellen, körperlichen und neurologischen Nebenwirkungen, die nach dem Absetzen anhielten.
Nebenwirkungen, die erst nach dem Absetzen beginnen
Nebenwirkungen können auch erst nach dem Absetzen beginnen, so die diagnostischen Kriterien von 2022 (auf Englisch). Sie gelten für Finasterid, einige Antidepressiva und Isotretinoin gemeinsam. Demnach kann ein anhaltendes sexuelles Problem erst nach dem Absetzen auftreten, oder ein leichtes kann sich verschlimmern. Die Daten dazu, wann Beschwerden beginnen, seien begrenzt, schreiben die Autorinnen und Autoren.
Die Produktinformationen zu Finasterid beschreiben das nicht. Der Behörde ist es trotzdem aufgefallen. In ihrer Sicherheitsmitteilung von 2024 bat die MHRA, bei Meldungen anzugeben, ob eine Nebenwirkung „nach Beendigung der Behandlung anhielt oder begann“ (auf Englisch). Unter Betroffenen heißen Beschwerden, die nach dem Absetzen beginnen oder sich plötzlich verschlimmern, oft „Crash“. Wenn Ihnen das passiert ist, sagen Sie es Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt und erwähnen Sie es in jeder Meldung.
Keine Studie zum Ausschleichen - und was Sie jetzt tun können
Ob es etwas ändert, Finasterid auszuschleichen statt es abrupt abzusetzen, weiß niemand. Wir haben die medizinische Fachliteratur durchsucht und keine Studie gefunden, die beides vergleicht. Weder die britische Fachinformation (auf Englisch) noch die FDA-Fachinformation (auf Englisch) nennt ein Schema zum Ausschleichen. Im Internet stoßen Sie auf entschiedene Ratschläge in beide Richtungen. Ohne Studie kann keine Seite belegen, dass sie recht hat.
Setzen Sie kein Medikament ab und ändern Sie nichts an der Einnahme, nur weil es auf dieser Seite steht.
Ob und wie Sie Finasterid absetzen, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Eine Ausnahme steht in der britischen Packungsbeilage (auf Englisch) selbst. Wenn Sie die 1-mg-Dosis nehmen und eine Depression oder Suizidgedanken entwickeln, sollen Sie die Einnahme beenden. Dann sollen Sie sich so bald wie möglich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt wenden.
Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wann immer sexuelle Nebenwirkungen Sie belasten, ob Sie Finasterid noch nehmen oder schon abgesetzt haben. Auch eine gedrückte Stimmung sollten Sie ernst nehmen: Die Überprüfung der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) von 2025 (auf Englisch) hat Suizidgedanken als Nebenwirkung von Finasterid-Tabletten bestätigt. Bei gedrückter Stimmung rät der NHS, die Hausarztpraxis oder die 111 anzurufen (auf Englisch). Bei Gedanken, sich selbst etwas anzutun, rät der NHS, sofort die 999 zu wählen oder in eine Notaufnahme zu gehen. Diese Nummern gelten im Vereinigten Königreich. In Deutschland erreichen Sie den Notruf unter 112.
Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt sind diese Warnhinweise womöglich noch nicht begegnet. Nehmen Sie deshalb Folgendes mit:
- Die Packungsbeilage oder die Patientenkarte aus der Packung. Die Packungsbeilage (auf Englisch) führt die Nebenwirkungen auf, die anhalten können.
- Ihre Dosis und ungefähr, wann Sie begonnen und abgesetzt haben.
- Was sich verändert hat, und wann. Sagen Sie, ob es nach dem Absetzen begonnen oder angehalten hat.
- Jede Veränderung der Stimmung, auch wenn sie nichts damit zu tun zu haben scheint.
Mehr zu diesem Gespräch steht in unserem Beitrag PFS in der Arztpraxis ansprechen und ernst genommen werden. Sie können die Nebenwirkung auch selbst melden, ohne Umweg über die Praxis: in Deutschland beim BfArM, im Vereinigten Königreich mit einer Yellow-Card-Meldung. Jede Meldung informiert die Behörde über eine einzelne Reaktion.
MedDRA-Code 10082430
Deutscher Fachbegriff: Syndrom nach 5-Alpha-Reductase-Inhibitor-Behandlung (englisch: Post 5-alpha-reductase inhibitor syndrome)
Verwenden Sie diesen Begriff, wenn Sie Finasterid oder Dutasterid eingenommen haben und die Nebenwirkungen nach dem Absetzen anhielten. Tragen Sie Code und Begriff genau so in das Freitextfeld ein und beschreiben Sie Ihre Beschwerden danach mit eigenen Worten. Unsere Anleitung zum Melden deckt das Vereinigte Königreich und weitere Länder ab.
Die Fachinformation kann Ihnen fast auf den Monat genau sagen, wann das Haar wieder ausfällt. Ob und wann die Nebenwirkungen verschwinden, kann sie nicht sagen. Solange niemand erforscht, was nach der letzten Tablette geschieht, sind Ihre eigenen Aufzeichnungen am wertvollsten: für das Arztgespräch, in einer Meldung und in der Community. Die Community begleitet Menschen über Monate und Jahre. Eine einzelne Meldung kann das nicht.
Wenn es Ihnen psychisch schlecht geht: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
Alle Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.
Was hier steht, ersetzt keine ärztliche Beratung. Besprechen Sie Entscheidungen über Ihre Behandlung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
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